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Mittwoch, 5. Juni 2019

{Rezension} Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich ~ Daniel Mendelsohn

 Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich Daniel Mendelsohn
Eine Odyssee: Mein Vater, ein Epos und ich | | Daniel Mendelsohn | | Siedler | | Roman | | HC | | 352 Seiten | | 1/1

Als Jay Mendelsohn, pensionierter Mathematiker und 81 Jahre alt, eines Tages spontan beschließt, den Uni-Grundkurs seines Sohnes Daniel zum Thema „Odyssee“ zu besuchen, ahnen beide Männer nicht, dass dies der Beginn einer ganz eigenen Familien-Reise ist. Vater und Sohn folgen auf einer Schiffsroute den Spuren des homerischen Epos – und im Angesicht der eigenen Sterblichkeit überwinden sie ihr gegenseitiges Schweigen.

Ein 4000 Jahre alter Mythos behandelt all die Menschheitsthemen, die uns noch immer bewegen: Familie, Identität, Heimat. Und zugleich weist er einem Vater und einem Sohn den Weg, wieder zueinander zu finden.


Als begeisterter (griechische) Mythologie-Leser, jedoch nicht des (Alt-)Griechischen mächtig, reizte mich dieser Titel sofort, als ich von ihm las. Nach der Leseprobe war ich allerdings skeptisch und unentschlossen - auf Grund des, bereits auf den ersten Seiten, verschachtelten Erzählstils könnte dieses Buch entweder genial oder unnötig akademisch-komplex werden. Ich habe mich aber entschieden, dem Buch eine Chance zu geben...

... und das nicht bereut! Denn auf etwa 350 Seiten entwirrt der Autor nicht nur die 12.110 Verse der Odyssee, sondern verstrickt diese 10 Jahre Abenteuer Odysseus´ gekonnt mit seinem Leben, dem seines Vaters und anderen Familienangehörigen. Dabei gelingt ihm etwas wunderbares: Er entstaubt dieses über 2500 Jahre alte Epos nicht nur, sondern zeigt auf, dass Geschichte lebt. Was früher die Menschen bewegte, bewegt sie noch immer. Identität, Liebe, Vertrauen und Verrat, Kampf, Tod und Beziehungen beschäftigen Menschen aller Epochen.

»Vielleicht ist Identität, worauf das Adjektiv polytropos in der Odysse so überzeugend hinweist, nicht so sehr eine Frage vom Entweder-oder, barsch oder freundlich, Vater oder Ehemann, Vater oder Sohn, sondern eine Frage der Perspektive. Vielleicht ist die Frage nur die, welchen Ausschnitt eines sich bewegenden Kreises man gerade sieht.«

Dieses Buch verlangt Konzentration - nicht nur ob der Wissensfülle, die Mendelsohn zur Odyssee, ihrem Aufbau, "Autor" Homer, Stilmittel und Sprachbilder während seines Seminars bespricht, sondern insbesondere wegen des unkonventionellen Erzähl- und Schreibstils. Ganz wie die Odyssee, ist auch die Begleitgeschichte keine stringent erzählte, sondern folgt Irrungen und Wirrungen der antiken Erzählung, springt vor und zurück, erklärt erst zu späterem Zeitpunkt Ereignisse und ihre Bedeutung. Passend zur aktuellen Leseposition in Homers Werk und den Debatten der Studieren: Anekdoten aus Daniel Mendelsohns Kindheit, Anmerkungen seines Vaters, gemeinsame Erinnerungen, Anspielungen auf Familiengeheimnisse und Verbindungen zur gemeinsamen Odyssee-Kreuzfahrt.

»Denn Reisen heißt auch immer, Abschied zu nehmen, sich von den Liebsten losreißen zu müssen.«

Buch im Buch im Buch - mithilfe dieses Romans kann man nicht nur die Odysee (besser) kennenlernen und das Leben der Protagonisten aus der Jetztzeit erforschen, sondern bekommt quasi einen Lektüreschlüssel zum antiken Werk - man muss sich natürlich nicht an diese vorgegebene(n) Interpretation(en) halten, sondern kann seine eigene bilden. Ich hätte die Bedeutungen einzelner Szenen und Stilmittel auf keinen Fall so erfassen können; zumal ich ja auch des Griechischen nicht mächtig bin. Das Buch ist also eine Zusammenfassung, ein Lektüreschlüssel und zugleich auch ein eigenständiger Roman und zugleich alles auf einmal.

»Diese Paarungen – Tod und Geburt, Ausblick und Rückblick – machen deutlich, dass die Odyssee, sosehr dieses lange Gedicht wie ein ausführlicher Bericht über eine einzige Begebenheit im Leben des Protagonisten anmutet, in Wahrheit eine Biografie ist, die mithilfe akrobatischer erzählerischer und chronologischer Kunststücke das ganze Leben des Helden präsentiert.«

So gerne ich auch lesen, durchaus auch Klassiker und Anspruchsvoll(er)es - Literaturwissenschaften, Philologie ("Liebe zur Sprache"), Germanistik und Ähnliches wäre ja gar nichts für mich. Dieses viele Analysieren, diese Ungewissheit, diese Stilmittel... Umso überraschender und beeindruckender war für mich, wie sehr Mendelsohn mir die Liebe zu seiner Disziplin nahbringen und verständlich machen konnte, ohne dass ich das notwendigerweise auch studieren wollen würde. Aber es gelingt ihm eben, indem er mir als Leser das eigenständige Grübeln größtenteils abnimmt und eine Interpretationsrichtung vorgibt, die Gedanken anstößt, das Wunder der Sprache zu offenbaren. Wie genial bestimmte Stilmittel und Bilder zu einer Absicht passen, wie subtil und zugleich offensichtlich etwas angedeutet werden kann, wie eloquent man etwas ausdrücken kann, ohne es dabei gesagt zu haben...


... noch ein paar Worte zu Gestaltung und Titel:
[4/4] Das Cover sagt mir trotz und wegen seiner Schlichtheit zu, zumal sich das Motiv auch in der Innengestaltung bei den Kapitelwechseln und unter dem Schutzumschlag wiederfindet. Zudem ist die Haptik und der metallische Glanzeffekt großartig. Nur die Schrift, so passend der Titel auch ist, passt optisch nicht so recht zur Gesamtgestaltung.


 Odyssee Ilias Homer Literatur Philologie Antike Griechenland Mythologie
VIELEN DANK AN DEN SIEDLER VERLAG FÜR DAS REZENSIONSEXEMPLAR

Mehr als nur eine fantastische Lesehilfe für die Odyssee; ein Interpretationsangebot, das mit spannenden Einsichten und Verknüpfungen belohnt, wenn man sich dem verworrenen Schreibstil und komplexen Erzählungsaufbau hingibt.

anspruchsvoll ~ lehrreich ~ philologisch

Habt ihr die Odyssee oder die Ilias gelesen? Viele hatten ja Lateinunterricht und haben im Zuge dessen zumindest Ovid oder Vergil gelesen - wie viel ist euch davon noch in Erinnerung? Und könntet ihr euch vorstellen, bei euren Eltern oder Kindern (mal angenommen, sie unterrichten) ein Seminar zu belegen?


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{mit einem Klick auf die Cover gelangt ihr zu den Rezensionen}
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2 Landgänge

  1. Hallo Mary,

    hm,die Aufbauung erinnert mich gut, wie die Bücher früher ausgeschaut haben....einfach und schlicht, aber immer mit Schutzumschlag und Lesebändchen..

    Gibt es das Lesebändchen auch bei diesem Roman? ...LG..Karin..

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    1. Ahoi Karin,

      ja! Das Lesebändchen gibt es :)
      Wirklich klasse Roman, kann ich nur empfehlen :)

      LG Mary <3

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